Dreifacher Hörgenuss mit Liedern und Chansons aus unterschiedlichen Kulturen

Es ist kurz vor 20 Uhr an diesem Freitagabend, den 12. Juni. Die Kronberger Altstadt ist belebt, auch trifft man viele Jugendliche, die stolz ihre verschieden farbigen Pullis und Shirts tragen, die sie als Mitglieder unterschiedlicher Chorensembles kennzeichnen. Am Eingang zur Stadtkirche wird man u. a. von der „Marketingbeauftragten“ der Gemeinde Franziska Roth freundlich begrüßt, die Programmheft und Informationen bereithält.

Kurz nach Glock 8, unter viel Applaus, begeben sich die rund 50 Königskinder, das Chorensemble der Kronberger Altkönigschule, auf die Altarinsel und stimmen ihr erstes Lied an. Wer den Weg hoch auf die Orgelempore auf sich nimmt, wird sich erst der Resonanz und der Schönheit des sakralen Langhauses wirklich gewahr.

Gastgeber Wolfram Gaigl, Musikpädagoge an der AKS, begrüßt Auditorium und Chöre mit den Worten: „Unser Dank geht vor allem an die Evangelische Johannesgemeinde. Wir sind fasziniert von diesem Kirchenraum und wollten hier schon seit langem musizieren.“ Zu Recht, denn die Stadtkirche wurde um 1440 herum errichtet, und die Deckenmalereien des Holztonnengewölbes wurden rund 180 Jahre später von Johann Friedrich Spangenberg realisiert.

Doch sei dies nicht die einzige Premiere des Abends, so Gaigl: „Das ist das erste Chorkonzert in Verbindung mit Gast- und Partnerchören.“ Tatsächlich sind für die beiden Konzerte (das erste fand um 18 Uhr in Anwesenheit des Schulleiters der AKS Martin Peppler statt) zwei weitere Chöre angereist. Zum einen die Chorkids aus Illertissen, der Partnerchor der Königskinder. Dieses Ensemble wurde 2001 von Michael Heinrichs, Musiklehrer am Gymnasium Illertissen, gegründet und wird seither von ihm geleitet. Zum anderen der Oberstufenchor des kleinsten Gymnasiums Wiesbadens, der Oranienschule. Tobias Hahn, ein junger Musikkollege, leitet diesen Chor, in dem teilweise Jugendliche ohne musikalische Vorkenntnisse mitsingen. „Dass wir zusammen musizieren, ist eigentlich Zufall“, legt Gaigl dar, drei Schulchöre hätten ihm wegen der terminlichen Nähe zum mündlichen Abitur abgesagt. Erst die Empfehlung der Wiesbadener durch den „Bundesverband Musikunterricht“ habe ihn aufatmen lassen. „In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen wunderschönen Abend mit den Darbietungen der drei Chorgruppen.“

Gaigl dirigiert sodann die A-cappella-Darbietung des Gedichts „Der gereimte Löwe“ des unvergessenen James Krüss. Doch er wäre nicht Pädagoge genug, würde er nicht das Engagement und die Verve seiner jungen Sängerinnen und Sänger in einem gebührenden Rahmen vor Publikum anerkennen. „’We are the Young’ ist eigentlich DAS Gesangsstück unserer Nachwuchschöre. Doch ist es seit dem Bestehen der Königskinder gute Tradition, die Jugendlichen auszuzeichnen, die schon seit drei Jahren Teil unserer Ensembles sind.“ Gaigl bittet die Kinder vorzutreten. Es sind 3 Jungs und 14 Mädchen, immerhin ein Drittel des Chors, denen daraufhin von den älteren Chormitgliedern Bronzemedaillen umgehängt werden. Welche schöne Motivation, weiterzumachen!

Beim letzten Lied der Königskinder bringen sich die Chorkids unter der Empore in Position, beide Ensembles schreiten dann in entgegengesetzter Richtung auf ihre Plätze. Anstelle der grünen Shirts stehen nun beinahe 40 violette Pullis auf der Altarinsel und heben an, die drei bekanntesten Stücke aus dem Film „Les Choristes“ („Die Kinder des Monsieur Mathieu“) auf Französisch zu singen. Besonders beeindruckend das Solo der jungen Anna-Lina aus der siebten Klasse. Chorleiter Heinrichs tritt zur Seite und verweist in dem nicht enden wollenden Applaus auf seine Schützlinge, die mit ihren 11 bis 17 Jahren recht jung sind. Drei der fünf Darbietungen erfolgen ohne instrumentale Begleitung, rein a cappella, was für die Qualität des Ensembles spricht, das schon zweimal den ersten Platz des Bayerischen Chorwettbewerbs errungen hat.

Gleiches Spiel: Die Chorkids verlassen im Ameisengang die Insel und die Mitglieder des Wiesbadener Chors, in festlichem Schwarz gekleidet, übernehmen die Staffel. Der Anteil männlicher Stimmen ist hier merklich höher, das Repertoire ein völlig anderes. In den vier Darbietungen lösen sphärisch-choralartige Klänge des Briten Gustav Holst, dessen Kompositionen inspiriert von der indischen Kultur waren, sich mit Polyphonien ab, die durch Aufstampfen, Schnalzen, Schnipsen, Klatschen, Gesten und Instrumenten wie die Djembé (afrikanische Bechertrommel) oder die Cabalonga (afrikanische Samenschalen-Rassel) zu einem außergewöhnlichen Klangerlebnis werden. Doch die irisch-indisch klingenden Texte werden ergänzt durch indonesische Klänge des experimentellen Chorstücks „Dawn & Dusk“ (Fajar dan Senja) des 1993 geborenen Komponisten Ken Steven. Mit großer Verve gelingt es den knapp dreißig Jugendlichen die fremden Rhythmen und exotischen Klänge dem Publikum zu vermitteln.

Königskinder und Chorkids kommen schließlich hinzu, und erst als die drei Ensembles das „Abendlied“ von Johannes Reiche anstimmen, realisiert man, dass rund 130 Jugendliche heute Abend ihr Können unter Beweis gestellt haben. Dass die vierstimmige Version mit Männerstimme von einer Schülerin des Wiesbadener Chors re-arrangiert wurde, manifestiert die Qualität dieser Veranstaltung. Und so konnte Gastgeber Gaigl mit Fug und Recht resümieren: „Geil, oder!“

 

Gastgeber Wolfram Gaigl und seine 50 Königskinder

 

Gaigl dirigiert die drei Ensebles, am Piano Kollegen Hahn und Heinrichs

 

Die drei Chorleiter Gaigl, Heinrichs und Hahn mit ihren Ensembles