AKS-Zwölftklässler greifen in zwei DS-Aufführungen Kronbergs Geschichte auf
Am Mittwoch- und Donnerstag, den 24. und 25. Juni 2026, konnten Familie, Freunde und geneigte Kronberger in je zwei Vorstellungen, einmal um 16, dann um 19 Uhr, auf beeindruckende Weise miterleben, wie zwei DS-Kurse (Darstellendes Spiel) der Altkönigschule ein unrühmliches Kapitel Kronberger Geschichte aufgegriffen und auf die Bühne gebracht haben.
Der Burgverein nimmt Schweikards 400. Todestag am 17.09.2026 zum Anlass, um an einen Mann zu erinnern, der mit der Geschichte Kronbergs eng verbunden ist. Dessen zwei Vertreterinnen hoben dabei die großartige Leistung der Jugendlichen hervor, die selbst bei diesen Temperaturen es nicht gescheut hätten, auch draußen unter gleißender Sonne ausdrucksstark zu spielen. Und tatsächlich: Das erste Stück mit dem Titel „Free Pluto“ beginnt am Donnerstagnachmittag im Prinzengarten.
Gespenstische Figuren in schwarzen Gewändern mit weißen Masken ziehen in den Laubengang ein. Dann treten zwei heraus und verlesen ein original von Schweikard verfasstes Gerichtsprotokoll aus dem Jahr 1617. Zäsur. Das Auditorium geht über den Vorhof und eine Wendeltreppe hinauf in den Wappensaal der Burg, wo es von Moderator Artur Koch, selbst Zwölftklässler, empfangen wird. Er stellt uns den Namensgeber des Stücks vor: Pluto sei ein Mann, über den man spreche, noch ehe er den Raum betreten habe.
Die DS-Gruppe von Janna Strube, eigentlich Lehrerin am Königsteiner Taunusgymnasium, setzt auf eine Vermischung ernster historischer sowie aktueller Themen mit einer Portion Sarkasmus, die ihren Zweck nicht verfehlt. Aus Mainz sei von Schweikard eine Novellierung in Sachen Strafmaß gekommen: Die Malefikanten sollten nicht mehr sofort verbrannt, sondern, sofern sie um Gnade bäten, mit dem Schwerte dekapitiert werden. Einzig den Scharfrichter freut’s: Dies sei eine viel präzisere Methode des Tötens. Doch leide dieser Berufszweig unter chronischem Personalmangel, da die Tätigkeit als „moralisch belastend“ gelte, wohingegen man sie früher mit Tradition, Ehre und der Würde verband. Womöglich ein Seitenhieb auf den Fachkräftemangel in Deutschland oder die Unwilligkeit mancher Zeitgenossen, scheinbar unwürdige Jobs anzunehmen?!
Nun betritt Pluto den Raum, ein moderner Dandy, der hypostasierte Instagram-Star jüngerer wie reiferer Frauen. Er ist der Mann mit Mitgefühl für Mensch und Tier, zitiert gebildet Luther, imponiert mit seinem zur Schau getragenen Wohlstand und macht mit seinen zwei Top-Anwälten dem Gerichtstrio das Leben schwer. So konstatiert Schreiber Amthor Kostensteigerungen, die bei weitem nicht mit den Erlösen aus den Vermögen der Verbrannten gedeckt werden könnten; oder brüllt Ankläger von Betzenstein in sein Megaphon, dass das Vorgehen der Anwälte umstürzlerisch sei, gar ein Angriff auf die Grundfesten des Rechts. Selbst ein Videocall mit Schweikard erweist sich als Reinfall. In das sich anschließende Handgemenge tritt erneut Moderator Koch und fordert die Anwesenden auf, über Schuld und Unschuld zu richten. Noch versuchen in gelungener Raumbespielung die Vertreter des kanonischen Rechts diese von den Anklagepunkten zu überzeugen, doch fast alle erkennen Pluto als unschuldig an und das Stück geht unter Applaus zu Ende.
Zwei Stunden unter sengender Hitze später. Erneut versammelt sich das Publikum im Garten. Mit einem Rap und einem Hoch auf Schweikard, den Burgherrn, wird es begrüßt. Der Weinkeller des Bischofs wird versoffen und eine Entertainerin schmettert das „Cabaret“-Lied. „Der Fürst ist fern, das Volk tanzt in seinem Schatten“, ruft einer des zechenden Hofstaats. Der Titel des Stücks des um fünf Schüler stärkeren DS-Kurses von Yvonne Erber ist aufgerufen. Doch bald gemahnt der Hofnarr an die schlimmen Zeiten: „Ein Reich, das lacht, während es niederbrennt!“ Rasch wird deutlich, dass es der zweiten Schülergruppe um etwas anderes geht. Eben noch derbe Gesellschaftssatire am Nachmittag, abends das Schicksal einer Frau im Kontext der europäischen Machtpolitik im 17. Jahrhundert. Auf die Wiese des Gartens wird geführt von zwei Scharfrichtern eine Kräuterhexe, angeklagt, einen Bund mit dem Teufel eingegangen zu sein. Mia Heyne gibt all den Frauen, die unter Schweikards Ägide wegen Ketzerei zum Tode verurteilt wurden, ein Gesicht und repräsentiert auf ergreifende und über das Stück hinweg Gänsehaut auslösende Weise deren Schicksale.
Das Publikum begibt sich daraufhin in den schattigen Innenhof. Von oben herab, im Wehrgang stehend, wird es vom Priester, dem Richter und anderen Prozessbeteiligten schon erwartet, unten befinden sich die angeklagte Frau und ihre vor Verzweiflung zu laut schreiende Tochter. Der Frau wird von dem brutalen Scharfrichter die Beschwörung jedwedes zerstörerischen Naturphänomens zur Last gelegt. Die putative Hexe muss auf Knien rutschen, wird physisch wie mental vom Hexenjäger sowie einem Waffenmeister gequält und bedroht und löst bei allen, die dem Spektakel beiwohnen, im besten poetischen Sinne „phobos“ und „éleos“ aus, fragt mit erst kräftiger, dann brechender Stimme: „Wie kann mich denn ein Gebet zur Hexe machen?“ Das Menetekel soll nun die Entscheidung bringen. Quod erat demonstrandum: dem Fürsten sei zwar unwohl dabei, aber in seinem Namen wird sie als schuldig erkannt.
Schweikards Wanderzirkus begibt sich zum nächsten Akt erneut hoch in den Wappensaal, wo in einer schrillen und unübersichtlichen Polyphonie viele Kritikpunkte erhoben werden. Der Kurs mag sich gedacht haben: Viel hilft viel – manchmal überspannt man aber auch den Bogen. Seine Exzellenz Schweikardt glänzt derweil weiter durch Abwesenheit – der Titel des Stücks ist Programm. Nur durch zahlreiche Schreiben, die er an seinen Hofstaat adressiert und die an den neuralgischen Stellen des Stücks lauthals verlesen werden, tut er sich kund. „Ein Gebet auf den Lippen, Blut an den Händen“, verdichtet der Narr die Kritik an Schweikards Verhalten. Damit gelingt es Erbers Compagnie, an Becketts „En attendant Godot“ anzuschließen und die ausbleibende moralische Reaktion der europäischen Gesellschaften auf die Katastrophen von damals und heute anzuprangern.
Ein letztes Mal setzt sich der Tross in Richtung Vorhof in Bewegung. Sieben Schauspielerinnen in weißen Gewändern stehen in einer Reihe hintereinander. Dann geht DS-lerin Mia zu einer Brennschale, verliest Namen und Kurz-Vita ihrer Figur und wirft den Zettel hinein; die weiteren sechs tun es ihr gleich. Es ist eine starke symbolische Reminiszenz an die Furcht der Mächtigen vor der Macht der Schwachen. Noch werden die sieben Frauen von sechs männlichen Folterknechten drangsaliert, doch sie widerstehen so lange, bis Cassidy Rochford zum dritten Mal zu einem Song anhebt, der extrem schwer zu singenden Ballade „People Help The People“ der Sängerin Birdy aus dem Jahr 2011.
Frenetischer Applaus. Aus. Nein, denn Schulleiter Martin Peppler und Fachbereichsleiterin Rita Eichmann, selbst passionierte DS-lerin, danken den Pennälern, den Herren von der Bühnentechnik, den beiden DS-Lehrerinnen Strube und Erber sowie den Vertreterinnen des Burgvereins. Schon seit geraumer Zeit habe man ein gemeinsames Projekt anvisiert, so Peppler, und nun habe es anlässlich des Schweikard-Jahres auch geklappt.
Was bleibt, sind zwei Aspekte. Zunächst ein pädagogischer: Auch wenn vielleicht aller Anfang schwer war, haben alle Durchhaltevermögen und Teamgeist bewiesen. Gemeinsam an einem Strang ziehen und alle Widrigkeiten, selbst vorgezogene Hundstage, überwinden. Zum anderen einer, der das postmoderne Theater auf die aristotelische Bühne zurückholt: Es sind die Schlüsselfiguren, die ungekrönten Helden, die das Stück ausmachen und die Gunst des Publikums gewinnen. So etwa Artur Koch, der auf dem Niveau seines Namensvetters Wolfram Koch (siehe „Faust 1&2“-Inszenierung des Schauspiels Frankfurt) mit Biss und Charme durch das erste Stück geleitet hat. So Mia Heyne, deren schauspielerische Leistung längst weit über jeglichem Schultheater-Niveau liegt. Oder Cassidy Rochford, die sich getraut hat, vor einem Publikum aus Eltern, Mitschülern, Lehrern und interessierten Kronbergern drei Soli zu singen, ohne dass ihr die Stimme vor Lampenfieber weggebrochen wäre. Und so kann man getrost mit Goethe sagen: „So wird der beste Trank gebraut, der alle Welt erquickt und auferbaut.“

Die Verhandlung gegen Pluto im Wappensaal der Kronberger Burg

Die beiden Siegerplakate, die traditionell von den Kunst-Kursen entworfen werden und in einer Ausstellung im Terracotta-Saal bewundert werden konnten

Im Innenhof: Die auf Knien rutschende Verurteilte, ihr Scharfrichter und die Entertainerin

Im Vorhof: Die von ihren Scharfrichtern bedrängten Frauen, die widerstehen